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*Yoga und Freediving* von Nik Linder

*Yoga und Freediving* von Nik Linder

©Alena Zielinski
Es ist mal wieder Zeit einen sensationellen Blog für meinen heiß geliebten Unterstützer Mares zu schreiben und dieses Mal will ich ein wenig über Yoga und Freediving philosophieren. Scheinbar ist das auch wieder so ein Thema, welches Zeugs dazu hat zu polarisieren.

Viele Topathleten behaupten von sich, sie brauchen kein Yoga um erfolgreich zu sein. Es gibt zahlreiche Beispiele von wirklich sehr erfolgreichen Apnoetauchern die angeben, nichts mit Yoga zu tun zu haben. Fast trotzig sind die Statements : „Ich mach kein Yoga“, Klammer auf „esoterischer schnickschnack“ Klammer zu. Mit Yoga verbindet der Gegner Räucherstäbchen, Klangschalen*, sich an den Händen halten und Mantras zu singen. Auf alle Fälle nichts konkretes und nichts greifbares.

….und eigentlich war ich genauso.

©Alena Zielinski

Was ist eigentlich Yoga ?

In meinen Workshops, die mittlerweile mit vielen Yoga und Meditationsübungen angereichert sind, frage ich oft „ macht jemand von Euch Yoga“ ? Das machen einige, wobei es sich meistens auf das normale Hatha Yoga im Fitnesscenter begrenzt.

Yoga ist keine Religion sondern eine Selbstfindungslehre und wird oft mit dem acht Gliedrigen Pfad nach Patanjali in Verbindung gebracht, welches zum Ziel hat einen ruhigen Geist zu entwickeln und im Hier und jetzt zu sein.

Was uns daran hindert ( Kleshas ) :

  1. unsere subjektive Wahrnehmung, die wir aufgrund unserer Erfahrungen im Laufe des Lebens entwickeln und die uns daran hindern die Welt um uns herum klar zu sehen.
  2. eine zu große Ich – Bezogenheit – entweder als überhöhtes Selbstwertgefühl oder Minderwertigkeitskomplex
  3. Bedürfnisbefriedigung – immer wieder etwas haben zu wollen
  4. Abneigung aufgrund von Vorurteilen
  5. Die Angst vor Unbekannten und die Angst, dass etwas schief gehen könnte.

Der achtgliedrige Pfad

O.k. ich weiß das hatte jetzt noch nicht sooo viel mit Freediving zu tun, ich versuche jetzt mal auf den Punkt zu kommen. Der achtgliedrige Pfad soll ein Leitfaden sein, wie man mit sich und der Umwelt im reinen ist :

  1. Yamas : Hier geht es um den Umgang von Dir selbst mit Deiner Umwelt – unter anderem Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, nicht stehlen, Maß halten.
  2. Niyamas : über den Umgang mit Dir selbst – Reinheit, Selbstdisziplin, Zufriedenheit, Selbstreflexion, Vertrauen
  3. Asana – hier kommt nun das was man mit Yoga in Verbindung bringt, die Yoga Übungen.
  4. Pranayama – die Atemtechniken, welche den Körper und den Geist beruhigen sollen und Blockaden lösen sollen
  5. Pratyahara – Das zurückziehen der Sinne
  6. Dharna – die Fähigkeit sich vollkommen auf eine Tätigkeit zu konzentrieren.
  7. Dhyana : Durch Meditation versuchen Emotionen, Erwartungshaltungen, Vorverurteilungen hinter sich zu lassen.
  8. Samadhi – Der Zustand der inneren Freiheit

©Alena Zielinski

Jetzt endlich…der Bezug zum Freediving

Wenn wir uns das oben geschriebene mal anschauen, dann müssen wir glaube ich alle sagen, dass es im Freediving kein Fehler ist im hier und jetzt zu sein und wir können uns vorstellen, dass wir uns manchmal selbst im Wege um so freizutauchen, wie wir uns das wünschen, unabhängig von Bestmarken oder ähnlichem.

Schauen wir uns den achtgliedrigen Pfad an, dann sind wir zunächst bei den Yamas – also dem Umgang mit Deiner Umwelt und die Gewaltlosigkeit. Wenn wir uns vorstellen, dass wir in unserer Welt versuchen so wenig Schaden wie möglich anzurichten, also dafür zu sorgen dass aufgrund unserer Existenz niemand leidet, niemand getötet wird, dann können wir uns sicher vorstellen, dass wir dadurch die Welt um uns herum etwas besser machen. Ich kann aufgrund meinem Konsumverhalten mithelfen, dass keine Tiere getötet werden. Ich sehe mich als Teil einer Welt. Als Freediver ist man Teil einer Unterwasserwelt, niemand möchte dort mit seiner Boje das Riff zerstören, die Fische töten oder Müll ins Meer kippen. Wir sind aber immer noch unzureichend an das Leben im Wasser angepasst, das heißt es schadet nicht dieses auf das Land zu übertragen und dafür zu sorgen, dass wir weiterhin saubere Luft atmen können.

Für unseren Tauchgang sind die Niyamas besonders interessant. Es geht hier unter anderem um Zufriedenheit – zufrieden zu sein mit dem was man hat ( Eigenschaften, materiellem, körperlichen ). In dem Buch „Apnoe und Meditation“ wird von der Seins Orientierung gesprochen, dem Gegenteil der Defizitorientierung. Wenn ich meinem Kopf immer wieder das Signal gebe, dass ich immer noch unzufrieden bin, wenn ich z.b. 93m Strecke getaucht bin, dann kann das zu einer mentalen Erschöpfung führen. Es geht bei den Niyamas darum mit sich selbst im reinen zu sein, sich auch immer wieder zu reflektieren. Diese Reflexion hilft aus dem Hamsterrad auszubrechen und sich immer mal wieder die Frage zu stellen, „bin das noch ich, verfolge ich meine eigenen Ziele oder habe ich mich irgendwohin treiben lassen, wo ich eigentlich gar nicht hinmöchte“. Wenn ich das tue, was ich wirklich selbst möchte, dann werde ich erfolgreich sein, auch wenn das unmöglich erscheint. Manche Menschen merken, dass sie nichts anderes können als Luft anhalten und schaffen es damit Geld zu verdienen 😉  Am Ende ist man erfolgreich und das schafft Vertrauen in sich selbst und in das Universum.

Jetzt kommen wir zu den Asana – also den Körperübungen. Für das Yoga sollen sie Stabilität und Leichtigkeit entwickeln. Einfach gesagt, in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Ich kann ausserdem besser entspannen und mich besser konzentrieren, wenn mein Körper aufgrund von einer Anspannung im Anschluss besser entspannen kann. Doch diese Erkenntnis ist nicht nur im Yoga populär auch in der Kraftmethode oder im Ausdauertraining ist bekannt, dass An- und Entspannung miteinander in Einklang gebracht werden sollten.

Für das Freediving nutzen wir Yoga auch um unseren Körper zu stretchen und flexibler zu machen. Mein Kumpel Toni Kodermann ( Weltklasse Freitaucher aus Slovenien ) ist nicht der einzige, der sagt der Schlüssel zu tiefen Tauchgängen liegt in der Flexibilität des eigenen Körpers,. Auch William Truebridge müsste mit seinen Weltrekordern auf Tiefen von über 100m ohne Flossen eigentlich ein potentieller Dauergast in der Lungenklinik sein. Aber auch er hat über Jahre hinweg an der Flexibilität gearbeitet und die unvorstellbare Leistung eine derart komprimierte Lunge mit heftigen Bewegungen des Oberkörpers in der Disziplin „Constant No Fins“ unbeschadet an die Oberfläche zu bringen, liegt an regelmäßigem Training und Yoga. Flexibel und Beweglich kann ich mit vielen Methoden werden, doch die effektivste ist Yoga. Auch Pilates etc. ist stark an die Asana aus dem Yoga angelehnt und haben dort ihren Ursprung.

Pranayama – Die Atemübungen aus dem Pranayama sollen den Geist beruhigen und die Energie lenken. Wer also ruhig in den Bauch atmet um zu entspannen und den Puls zu senken macht Yoga. Auch Basthrika erinnert sehr an Hyperventilation und wer einen „Unterdruckverschluss“ oder „reverse Packing“ betreibt macht tatsächlich Uddiyana Bandha. Bandhas sind Verschlüsse und steuern nicht nur die Energie im Körper, sondern bereiten die Lunge auf die Komprimierung in der Tiefe vor. Ein weiteres beliebtes Bandha bei Freedivern ist Jalandra Bandha, also der Kehlverschluss bzw. das verschließen der Stimmritze. Nicht nur beim Frenzel Druckausgleichsmanöver bzw. beim Druckausgleich unterhalb des Residual Volumens nützlich, sondern auch generell bei der Atempause ( Kumbhaka ) in der mit dem Schließen der Stimmritze verhindert wird, dass der Druck im Kopf zu groß wird. Es gibt hier tausende Übungen, die bewusst und unbewusst genutzt werden.

Eine Pranayama Geschichte zwischendurch : Als ich mit den Bandhas experimentiert hatte, wollte ich eine neue Möglichkeit des Mouthfills suchen und habe experimentiert nachdem ich in einem alten Pranayama Buch die Übung Plavini gelesen hatte. Einfach ausgedrückt sollte die Luft geschluckt werden. Also ähnlich, wie man früher in der Schule die Luft geschluckt hat um anschließend herauszufinden, wer am lautesten rülpsen kann. Ich dachte mir, ich könnte den Magen als weiteres Luftreservat nehmen und evtl. gelänge es mir, dass mit zunehmendem Druck die Luft ( wie beim rülpsen ) in den Mund/Rachenraum kommt. Bei mir hat das nicht geklappt, aber probiert es aus – wer es schafft meldet sich bitte.

Pratyahra : Wenn wir uns überlegen, wann wir beim Freediving die Sinne zurückziehen, dann fällt mir spontan das Narcose Video von Guillaum Nery und July Gaultier ein : https://www.youtube.com/watch?v=xESQ4pJl4ZM&t=686s Besonders die Szene, in der er im Bergsee abtaucht, obgleich er gerade noch in Nizza in einem ziemlich bewegten Meer mit viel Action um ihn herum ist. Wir versuchen auch beim Zeittauchen unsere dominierenden Sinne auszuschalten und uns weder von Geräuschen, noch von eindringenden Gedanken aus der Konzentration bringen zu lassen. Wer unbeweglich sich die Kontraktionen an seinem Körper abarbeiten lässt und die bedrohliche Atemnot soweit ausklammert, der kann von sich behaupten, dass er Pratyahra beherrscht.

Dharna : Beschreibt die Fähigkeit seine Konzentration voll auf das Tun zu richten. Beim Freediving versuchen wir im Hier und jetzt zu sein und nicht an das Auftauchen, die Wende, die Uhr oder ähnliches zu denken. Wenn wir diese Konzentrationsleistung schaffen, dann beherrschen wir Dharna.

Dhyana : Hier versuchen wir aus den geprägten Denkmustern auszubrechen. Das beschreibt die Meditation etwas zu sehen ohne es zu bewerten. Wenn die Gedanken kommen und gehen und nicht dazu führen, dass wir gedacht werden oder wenn wir in der Lage sind unser Denken zu steuern, dann werden wir auch den Inneren Schweinehund beim Zeittauchen überwinden und Dhyana für uns nutzen.

Samadhi : Beschreibt die Verschmelzung mit etwas großem. Ich denke es ist ähnlich einem Flow Zustand und ich habe im Zeittauchen sehr häufig einen Flowzustand, indem ich mich scheinbar auflöse und keinerlei Gedanken in meinem Kopf sind.

Interessant ist eigentlich, dass die Asana Praxis, genau wie Pranayama nur ein Teil des ganzen ist.  Vermutlich erkennt man dass man doch sehr viel aus dem Yoga bereits praktiziert oder Einstellungen für sich anwendet.

Ich habe zu Beginn geschrieben, dass ich früher nicht an Yoga interessiert war. Mit der Praxis im Wasser und den Atemübungen, die wie sie später herausstellte, aus dem Pranayama sind habe ich irgendwann eine Veränderung bei mir wahrgenommen. Ich war zufriedener, entspannter und ruhiger. Das impulsive Ich und das weinerliche Ich, die Opferrolle , das alles legte ich irgendwann ab. Ich merkte, dass man erfolgreich Freitauchen kann, wenn man in Harmonie mit sich und seiner Umwelt ist. Man muss nicht mit dem Kopf durch die Wand, es ist nicht nur die Willenskraft die hilft. Und wenn man denkt, dass Yoga nichts mit Disziplin, Wille, Askese etc. zu tun hat. Der sollte sich mal ausführlicher damit beschäftigen oder an einer Yogastunde teilnehmen.

Es gibt einige, die sich aus dem Freediving verabschiedet haben und nun voll auf dem Yoga Pfad sind, weil das Freediving und das Yoga sehr viel miteinander vereint und einige Türen öffnet, man muss sich nur trauen hineinzuschauen.

Grüße Nik

P.S. Total geil – ich glaube ich schreib ein Buch darüber, ach so habe ich mit Phil ja gemacht : Apnoe und Meditation – zu bestellen hier ( inkl. Widmung ) https://www.relaqua.de/apnoe-und-meditation

 

*Natürlich weiß ich das Klangschalen funktionieren – ich selbst bin Anhänger der Peter Hess Methode

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